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Monatsspruch September 2022

Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit. Sirach 1,10

Ein junger Mann zog im Jahr 132 v. Chr. aus Jerusalem nach Ägypten. Er verließ seine Heimat.

Im Gepäck hatte er Schriftrollen seines berühmten Großvaters, der zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Jerusalem lebte. Alle jungen gebildeten Männer – unterwiesen wurden nur Jungen – kannten ihn als weisen Verfasser eines Erziehungsratgebers, einer Bildungsschule, sie kannten seinen Namen „Jesus ben Sira“. Er vermittelte Lebensweisheiten und das, was zur Erziehung und Weisheit gehört, um gesetzestreu zu leben. Damit auch die Jugend in der jüdischen Diaspora in Ägypten in den Genuss dieser Lektüre kam, verbrachte der Enkel viele schlaflose Nächte und übersetzte.

Liebe Leserinnen und Leser,

wer den Monatsspruch in der Lutherbibel sucht, wird ihn nicht finden – es sei denn, Sie haben eine mit Apokryphen. Denn die Schrift „Jesus Sirach“, auch als „Ben Sira“ bekannt, ist kein Teil der hebräischen Bibel. Die Septuaginta, die bekannteste griechische Übersetzung der Schriften des Alten Testaments, überliefert sie. Luther schätzte die Schrift als Erziehungsbuch und übersetzte sie aus der Septuaginta und der lateinischen Vulgata, denn eine hebräische Fassung lag ihm nicht vor.

Erst 1896 wurden in Kairo hebräische Textfragmente gefunden, später weitere in Israel.

Wer Ben Sira heute liest, geht in die alte Schule von Frau Weisheit – so wird die Weisheit in jüdischer Weisheitsliteratur vorgestellt, als Frau. Wer Ben Sira heute liest, kann eines ihrer Kinder werden. 

Der Monatsspruch steht am Ende einer Bewegung der Weisheit: „Alle Weisheit kommt vom Herrn“ (Sirach 1,1). So beginnt der Großvater seinen Erziehungsratgeber. Der Herr behält die Weisheit aber nicht für sich. Sie wird über alle seine Werke ausgegossen, universal: Vom Herrn zu allem Fleisch, vor allem zu jenen, die ihn lieben. Ergänzt wurde der Gedanke: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit“ – der Monatsspruch für den September.

Das Allerschönste an dieser Weisheit ist: Sie ist eine Gabe, die „ausgeschüttet“ wird, ein Geschenk, das „gewährt“ wird.  

Ihre Vikarin Hi-Cheong Lee

Monatsspruch August 2022

Jubeln sollen die Bäume des Waldes vor dem Herrn, denn er kommt, um die Erde zu richten. 1.Chr 16,33

Liebe Leser und Leserinnen, 

jubeln sollen die Bäume, die Bäume, die im Wald stehen, die Apfelbäume, deren Früchte wachsen und jeden Tag süßer werden, die Buchen, deren Kronen lichter geworden sind, die Bäume, die unter der Dürre leiden, die Eichen, die vom Eichenprozessionsspinner angegriffen werden, die Fichten, die unter der Trockenheit besonders leiden, die Kirschbäume, über die Kirchernte, bis zu den Zedern, die im Libanon und in Israel stehen, sie alle sollen jubeln.

Natürlich hatte der Schreiber dieser Worte aus dem 1. Buch der Chronik nicht unsere
Apfelbäume im Blick, als er dies Bild für den Lobgesang wählte. Er berichtete begeistert von den Steintafeln, auf denen die 10 Gebote standen. Sie wurden nach Jerusalem gebracht. Dort gab es ein Zelt, das extra für diese Steine aufgebaut war. Die ganze Stadt, so wird berichtet, feierte dieses Ereignis. Für jeden Mann und jede Frau gab es dazu ein Brot, ein Stück Fleisch und einen Rosinenkuchen (1. Chronik 16,3). Und dann sangen Asaf und seine Brüder für Gott zum ersten Mal. Sie sangen von den Bäumen, die jubeln, und von Gott, der mächtig ist und gerecht: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ 

Alle sollen sich freuen, nicht nur die Männer und Frauen in Jerusalem, nicht nur die Menschen überall, sondern auch die Schöpfung, die Bäume und das Feld. Die ganze Erde freut sich. 

Und dann sehe ich beim Spazierengehen die Bäume im Wald und sehe, wie viele durch die Dürre der letzten Jahre geschädigt sind und denke, diese Bäume, genau diese sollen sich freuen. 

Wenn Gott kommt, um die Erde zu richten, dann hat der auch die Bäume 
im Blick. 

Das Richten Gottes hat immer mit Gerechtigkeit zu tun und damit, dass die Schwächeren leben können. Von daher ist dieser Vers ein guter Satz für den 
Sommer: Lasst uns etwas tun, dass die Bäume jubeln können. Lasst uns etwas tun, das die Bäume aufatmen und jubeln lässt, die Bäume im Wald die Bäume gegenüber der Haustür. Eine Gießkanne dafür findet sich bestimmt.  

Einen fröhlichen Sommer wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin Barbara Neubert

Hier kann man Berliner Bäume adoptieren

 

Monatsspruch Juli 2022

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Ps 42,3


„Was ist der Unterschied zwischen Fingerhut, Trümmerblumen und Rittersporn?“ Ich wandere mit meiner Freundin durch buchstäblich blühende Landschaften, atme die Schönheit ein und erinnere mich an meine Mutter, wie sie mir Blumen gezeigt und Insekten um sie herum erklärt hat. Noch heute bin ich ihr dankbar dafür. Gott ist mir nah.

„Wir hatten gehofft, sie retten zu können!“ Die Verzweiflung über den Tod der einen ist so groß wie die Trauer über den Tod der vielen nach der russischen Bombardierung eines Einkaufszentrums mitten in der Ukraine. Gott, wo bist Du?

„Du wachst früh auf im Zelt, schaust auf den Gipfel des fernen Kilimandscharo - und vor Dir, ganz nah, steht grazil und majestätisch zugleich eine Giraffe.“ Der Freund hält beim Erzählen den Atem an, ich spüre sein Glück über die unmittelbare Begegnung mit der Schöpfung, und ich freue mich für ihn, mit ihm. Gott ist lebendig.

„Ich hörte ein Wimmern, und dann sah ich Leichen im Inneren des Lasters“, so beschreibt der Zeuge seine grausige Entdeckung in Texas nahe der Grenze zu Mexiko, mehr als 50 Menschen in der Hitze des Schlepperwagens erstickt, verdurstet, an Hitzschlag gestorben. Menschen, die einfach nur leben wollten. Gott, wo bist du?

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Auf diesen spirituellen Nenner bringt Albert Schweitzer seine Erfahrungen als Arzt, als Mensch, als Christ. In all dem ist der lebendige Gott, nach dem meine Seele so dürstet. In all dem finde ich ihn, höre seinen Ruf, zu leben und für seine Schöpfung einzustehen.

Das, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich auch Euch und Ihnen.
Katja Barloschky

Monatsspruch Juni 2022

Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod. (Hohelied 8,6)

Es ist Sommer. Und im Juni ist es meistens noch nicht so heiß. Für viele deshalb genau der richtige Monat, um zu heiraten und den Bund der Ehe einzugehen.

Und immer wieder kommt es vor, dass sich Brautpaare das Bibelwort aus dem Hohelied als Trauspruch aussuchen. Manche Paare mögen an diesem Bibelspruch besonders, dass „nicht so viel Gott darin vorkommt”, so sagte mir einmal ein Brautpaar beim Traugespräch. Und eigentlich hatten die beiden damit völlig recht! Denn wie kein anderes Buch der Bibel beschreibt das Hohelied wie es ist, wenn die Liebe zwischen zwei Menschen entbrennt. Von Gott ist tatsächlich kaum die Rede im ganzen biblischen Buch! 

Unerwartet finden wir stattdessen eine besondere Form von Erotik in den Kapiteln.

Das heißt aber nicht, dass die beschriebene zwischenmenschliche Liebe dabei oberflächlich wäre! Im Gegenteil! Denn im Monatsspruch aus dem Hohenlied ist ja eindrücklich gleich zweimal vom „Siegel” die Rede. Und ein Siegel drückt besondere Beständigkeit, Verlässlichkeit und dauerhafte Gültigkeit aus. 

Dass das Buch „Hohelied” überhaupt den Weg in die biblischen Schriften fand, ist vor allem damit zu erklären, dass es schon früh umgedeutet wurde. Eine solch verlässliche Liebe, wie eben beschrieben, entsprach im Judentum dem Bild, wie Gott sein Volk Israel liebt: treu, dauerhaft, mit dem Siegel des Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Auch den Christen fiel es nicht schwer, diese Vorstellung weiter zu führen: sie sahen in der „Liebe mit Siegel” ein Bild, wie Jesus Christus zu seiner Kirche steht. 

Natürlich ist das eine Umdeutung, die das Hohelied erfuhr. Aber besteht unser Reden über Gott nicht meistens darin, dass wir Bilder aus unserem (Alltags-)Leben aufgreifen und sie uns helfen, Worte für Gott zu finden?!

Außerdem finde ich es bedenkenswert, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es zunehmend mehr dauerhafte Singles und viele alleinstehende Menschen gibt. Viele machen im Leben gar nicht die Erfahrung einer dauerhaft-beständigen zwischenmenschlichen Liebe. Und auch die Zahl derjenigen, die im Leben nie 
heiraten werden, ist deutlich gewachsen. 

So ist es gut, dass ich die Liebe, die im Hohenlied beschrieben wird, auch deuten kann auf Gottes Liebe zu mir!
Sie gilt verlässlich. Mit Siegel! 

Ihr Pfarrer Björn-Christoph Sellin-Reschke 

Letzte Änderung am: 01.09.2022