Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Monatsspruch November 2018

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Offb. 21,2

Liebe Leser und Leserin,

Jerusalem – die heilige Stadt. Wer dort gewesen ist, hat sofort Bilder vor Augen, von den Menschen auf den Straßen der Altstadt, von der goldenen Kuppel der Al Aqsa-Moschee, von der Klagemauer, den alten Häusern, über- und untereinander gebaut worden sind, von Menschen, die Kreuze tragen und sich erinnern, dass Jesus hier ermordet wurde und sich nach seiner Auferstehung als erstes gezeigt hat. 

Wer nie da gewesen ist, der kann es sich derzeit bequem machen und braucht nur nach Kreuzberg zu fahren, ins Jüdische Museum. Dort wird „Welcome to Jerusalem“ gezeigt. Auf dem Weg durch die Ausstellung kommt man in einen Raum voller Bilder. Künstler zeigen, wie sie sich Jerusalem vorstellen. Sie haben eine heilige heile Stadt gemalt, in der Friede herrscht und alle Menschen gut leben können, in der Gott verehrt wird. 

Jerusalem übt eine besondere Faszination aus. Sie muss einer der Lieblingsorte Gottes sein. Für Juden, Moslems und uns Christen gehört diese Stadt zu unserem Glauben. Umso mehr schmerzt es, wenn in dieser Stadt Gläubige nicht friedlich zusammen leben können, wenn Menschen ausgeschlossen werden, wenn die Suche nach Wahrheit zum blutigen Streit wird. 

Wie kann man die Hoffnung wach halten, dass es Frieden für alle Menschen in Jerusalem geben kann? Wie kann man die Hoffnung stärken, dass Menschen aus allen Religionen friedlich zusammen leben können? Johannes schreibt in seiner Offenbarung: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem.“ Er sieht die Stadt, die ihm vertraut ist, Jerusalem. Und sie ist anders, sie ist neu. 

Ich denke an Berlin: 1918 zerstört, 1945 wieder. Der Hunger nagte und so mancher kehrte aus dem Krieg nicht zurück.
Was hat damals geholfen, nicht die Hoffnung zu verlieren, dass es Frieden geben wird für alle Menschen, die in Berlin leben?

Berlin hat sich seitdem verändert, mehrfach, hat sich neu erfunden. Trotzdem sieht die Stadt heute nicht unbedingt so aus, wie ich mir eine heilige Stadt vorstelle. 

Was meinte Johannes also? 

Vor 100 Jahren endete der 1. Weltkrieg.
Der Friede, der kam, war leicht verletzbar. Haben wir genug über diese Jahre nachgedacht? Mir scheint, dass sich in diesem Teil der Geschichte noch viel entdecken und lernen lässt. 
Wie können wir heute die Hoffnung stärken, dass Menschen jeder Religion
und Herkunft friedlich in Europa zusammen leben können?

Ich wünsche Ihnen und uns allen gute Gespräche beim Blick zurück und beim Blick nach Jerusalem.
Herzliche Grüße Barbara Neubert 

Monatsspruch Oktober 2018

Ach Herr, du kennst meine ganze Sehnsucht. Mein Stöhnen bleibt dir nicht verborgen. Ps 38,10 (BasisBibel)

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Rien ne va plus – Nichts geht mehr!“ – so die Ansage des Spielleiters am Roulettetisch (jetzt tu ich mal so, als würde ich mich da auskennen), und die Drumherum Sitzenden hoffen, dass die ins Spiel gebrachte Kugel dort anhält, wo ihnen selber der größte Gewinn zufällt.
„Rien ne va plus – Nichts geht mehr!“ – so mag auch der Beter des 38. Psalms gedacht, geseufzt haben. Welche Last ihn konkret niederdrückt, erfahren wir nicht, die Schuld jedoch scheint groß. Herb, was der Beter preisgibt: „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe wegen deines Drohens und ist nichts Heiles an meinen Gebeinen wegen meiner Sünde.“ (V. 4) und „Meine Wunden stinken und eitern wegen meiner Torheit.“
(V. 6)
„Rien ne va plus – Nichts geht mehr!“ – anders als die Spielerinnen und Spieler am Roulettetisch verfügt der Beter jedoch bereits über einen „Schatz“: die Hoffnung auf jemanden, der ihm in seiner „Eigentlich-geht-nichts-mehr-Situation“ zuhört, jemand, der nicht gleich verurteilt, der in ihm auch dann den Menschen sieht, wenn er selber sich unmenschlich vorkommt. 
Diese Hoffnung lässt ihn ansprechen, was er an Unrecht, an Schuld auf sich geladen hat, lässt ihn seine Angst vor denen aussprechen, die ihm jetzt Übles wollen, lässt ihn bitten um die Zuwendung dessen, dem allein er zutraut, dass er seine Situation wenden kann.
Auch wenn uns Heutigen die Sprache der Psalmen oft altbacken, unverständlich, fremd oder gar abstoßend vorkommt – für Fulbert Steffensky, Theologe und Religionspädagoge, ist das „Schwarzbrot-Spiritualität“.
Das Besondere an Schwarzbrot ist: es eignet sich nicht als schnelle Schnitte zum raschen Verschlingen. Für Schwarzbrot brauche ich Geduld. Schwarzbrot muss ich kauen, intensiv und ausgiebig. Dann erst entfaltet sich sein voller Geschmack – und dann erst komme ich auf den Geschmack. „Schwarzbrot-Spiritualität“ heißt in diesem Sinn: Es gibt geistige Nahrung, die braucht Zeit, bis ich ihren Gehalt spüre. Das, was dem Betenden damals aus dem Herzen floss, sein Eingeständnis des Scheiterns zusammen mit der himmelschreienden Hoffnung ..., uns mag es fremd sein. 

Verständlich: Beichten ( – und das ist es im Grunde, was der Psalmbeter tut), die Suche nach Entlastung, die über ein zwischenmenschliches „Tut-mir-leid“ oder „Entschuldige-bitte“ hinaus geht, hat im Lauf der letzten 100, 150 Jahre einen eher negativen Beigeschmack bekommen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu gut haben wir die Individualisierung und die Freiheit des/der Einzelnen verinnerlicht: von niemandem abhängig, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein, das wird oft als das einzig erstrebenswerte Ziel dargestellt.
Verloren gegangen ist damit das Bewusstsein, der Geschwisterlichkeit aller und das Verwiesen-Sein auf den, den wir Christen und Christinnen als Schöpfer bekennen.

„Ach Herr, du kennst meine ganze Sehnsucht. Mein Stöhnen bleibt dir nicht verborgen.“
Mag der Monatsspruch ein Ansporn sein, dieses oder ein anderes Psalmwort einmal wieder intensiv zu kauen statt gedankenlos wiederzukäuen. Und mögen wir im Kauen dahinter kommen, welche Erfahrungen sich darin verbergen, welche Poesie und welche geistliche Kraft.

Ich wünsche Ihnen „nahrhafte“ Entdeckungen.
Ihre Gabriele Helmert

Monatsspruch September 2018

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Pred 3,11

Liebe Leser und Leserinnen,
wie oft habe ich diese Worte schon gesprochen. Sie sind mir so vertraut, dass ich sie auswendig kann. Sie tragen einen Zauber in sich, etwas, das sich nicht erklären oder deuten lässt. Wenn ich an einem Sarg stehe, neben den Blumen, die von der Schönheit des Lebens erzählen, wenn ich die Traurigkeit in den Gesichtern der Menschen sehe, die Abschied nehmen und Lebwohl sagen, dann spüre ich die Ewigkeit im Herzen, Schmerz und Trost zugleich. Die Worte erklingen in der Kapelle. Ich hoffe, dass die Menschen, die diese Worte hören, die Schönheit des Lebens sehen und die Ewigkeit erahnen.

Dieser Vers schließt sich im Buch Prediger an die bekannten Worte über die Zeit an. „Alles hat seine Zeit, geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit.“ Mancher hat vielleicht dazu das Lied von Peter Maffay zu „Alles im Leben hat seine Zeit“ im Kopf. Andere vielleicht eher die Version von den Puhdys oder die von Unheilig. Es ist spannend zu hören, wie viele Menschen diese Worte zu ganz unterschiedlicher Musik inspiriert hat. Joseph Haydn gehört natürlich auch zu ihnen. Wer sie nicht kennt oder nicht mehr im Kopf hat, der kann sie im Internet finden.

Alles hat seine Zeit. Für mich münden diese Worte in die Erfahrung: Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Egal, was ist, egal, was kommt - ich halte mich daran fest, dass Gott es schön gemacht hat, seine Erde, uns Menschen hat er schön gemacht.  

In dieser Schönheit steckt Gottes Liebe zu seiner Erde und uns Menschen. Ohne sie wäre diese Schönheit nichts. Und dahinein hat Gott die Ewigkeit gelegt. In ihr Herz. In wessen Herz? Es muss das Herz der Menschen sein, in das er die Ewigkeit gelegt hat. Doch bevor der Mensch zu lange darüber grübelt und nachdenkt, fährt der Prediger fort, dass wir Menschen dies nicht ergründen, nicht vollständig verstehen können. Für ihn folgt daraus, dass wir das Leben hier auf der Erde leben sollen. Jeden Moment will er auskosten und leben.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie im September viele Momente erleben, die es sich zu leben lohnt.
Herzliche Grüße
Barbara Neubert.

Monatsspruch August 2018

Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. 1 Joh 4,16

 

Der Geist füllt,
was die Form umfasst.

Die Liebe ist das Wasser,
die Form ist der Krug.

Das Leben fließt
und die Form sammelt.

 

Tau-Team 2017, Schweiz

Monatsspruch Juli 2018

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt! Hos 10,12

Liebe Leserin, lieber Leser,

Gerechtigkeit und Liebe - schöne Worte, große Worte, wichtige Worte. Ob sie wohl für unsere Sommer-Predigtreihe genannt und dann ggf. auch ausgelost worden sind (während ich dies schreibe, ist das noch offen)?

Gerechtigkeit und Liebe - Lebensworte, Worte, die mehr sind als eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Worte, die gelebt werden wollen - und müssen. Das wissen bereits die Menschen, die die biblischen Bücher überliefert haben. 

Die Konkordanz, jenes Buch, in dem Bibelstellen nach alphabetisch geordneten Stichworten zu finden sind, listet das Wort „Gerechtigkeit“ 258 mal auf. „Liebe“ findet sich 179 mal, „lieben“
ca. 225 mal.

Auch Hosea schreibt von Liebe und Gerechtigkeit. Es brodelt zu seiner Zeit. Das Gottesvolk vernachlässigt die Beziehung zu Gott, wendet sich anderen Göttern zu. Das Großreich Assur gewinnt die Macht über Israel. Anhand der genannten Königsnamen wissen wir, dass der Prophet Hosea („JHWH rettet“) über einen langen Zeitraum von mahnend bis werbend für Gott streitet, mal Gerichts-, mal Heilsworte übermittelnd.
Hier, in unserem Monatsspruch, nimmt Hosea ein Bild aus dem bäuerlichen Umfeld auf:
säen, pflügen, ernten, auf Regen warten.

Auch wenn unser Umfeld ein ganz anderes ist - das Anliegen ist so aktuell wie damals: Gerechtigkeit, Liebe, Leben nach den lebensförderlichen Geboten Gottes, Wissen um das Angewiesen-Sein auf Gottes Zuwendung. 

Gerechtigkeit, Liebe … schöne Wörter! Oder doch eher ... leere Worte?
Angesichts dessen, was wir im eigenen Alltag erleben, was die Nachrichten Tag für Tag ins Haus spülen, was sich als Entwicklungen über die Jahre darstellt, könnte sich Verzweiflung einstellen:
- Nord und Süd, Arm und Reich - die Schere klafft immer weiter auseinander;
- „xyz first“ - nationalstaatliche Interessen gewinnen Raum und das auf Kosten derer, die auf Schutz und Heimat hoffen, die in ihren Ländern nicht mehr gewährleistet sind;
- der Klimawandel - vor allem verursacht durch die Unersättlichkeit der reichen Länder, unsere Unersättlichkeit; die Folgen tragen vor allem die, die am wenigsten von Fortschritt und Entwicklung profitieren;
- Verseuchung mit Plastik bis in unsere Nahrungsmittel hinein und in die Antarktis ...

Gerechtigkeit und Liebe?

Getreu dem Motto: „Was nutzt die beste Erziehung, die Kinder machen uns doch alles nach“ fange ich immer wieder bei mir selber an, versuche ich immer wieder neu, mein Denken und Handeln nach dem Maßstab „Liebe und Gerechtigkeit“ auszurichten.
Und das auch deshalb, weil ich festhalten will an dem Glauben, weil ich leben will aus dem Vertrauen: Es gibt jenen Gott, der mich zuerst geliebt hat, der mich mit seiner Gerechtigkeit aufrichtet, der mir in Jesus von Nazareth begegnet, dessen Geistkraft gegen alle Verzweiflung
und Resignation am Leben lässt. 

Ich wünsche Ihnen Sommerwochen voller Erholung und mit der einen oder anderen Gelegenheit, Liebe und Gerechtigkeit auf der Folie des eigenen Lebens durchzubuchstabieren!

Ihre Gabriele Helmert

Monatsspruch Juni 2018

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. Hebr 13,2

Liebe Leser und Leserinnen,

wer Gastfreundschaft übt, gibt nicht nur etwas. Wer jemanden aufnimmt, der hat damit nicht nur Arbeit.

Im letzten Jahr war der Kirchentag in Berlin. Kirchentag funktioniert nur, wenn Menschen ihre Türen aufmachen und jemanden beherbergen. Viele Berliner haben das getan. Vier Tage lang waren Fremde zu Gast, haben bei ihnen geschlafen und aus ihren Bechern getrunken. Ob Engel unter ihnen waren?

Wenn vor 2000 Jahren Menschen wie Paulus unterwegs waren, dann brauchten sie andere, die sie aufnahmen. Oft hatten Paulus, Priska, Aquila, Junia und all die anderen nicht mehr dabei als ein Empfehlungsschreiben und das Vertrauen, dass sie einen Platz in einem fremden Haus finden würden. Vermutlich hat der Schreiber des Hebräerbriefes dies im Sinn gehabt, als er so eindrücklich mahnte, die Gastfreundschaft nicht zu vergessen.  

Und heute? Was gäbe ich darum, Paulus oder Junia bei mir zu Gast zu haben.

Vor über 70 Jahren sind Menschen aus ihren Dörfern vertrieben worden, zogen gen Westen, nach Berlin, Brandenburg, Westdeutschland. Sie waren auf Gastfreundschaft angewiesen. Wer würde sie aufnehmen? Manche gingen zu Verwandten. Und die anderen?

Viele haben sich schwer getan, Flüchtlinge und Vertriebe zu beherbergen. Andere haben die Gastfreundschaft nicht vergessen. Sie sind zusammen gerückt, damit Platz für alle ist. Haben sie Engel beherbergt?

Engel sind nicht unbedingt Menschen mit versteckten Flügeln, sondern Boten Gottes. Engel sind Menschen, die eine Botschaft von Gott haben, die uns helfen, etwas von der Freundlichkeit Gottes zu begreifen.

Abraham, der Vater des Glaubens, und seine Frau Sarah waren zwei, die die Gastfreundschaft nicht vergessen haben. Sie nahmen drei Männer auf und bewirteten diese mit frischem Kuchen (1. Mose 18) und Rinderbraten. In diesen Männern hat Gott die beiden besucht. Ihre Botschaft: Ihr werdet einen Sohn bekommen. Euer Wunsch, Eltern zu sein, wird sich erfüllen. Ohne ihre Gastfreundschaft hätten Abraham und Sarah diese Worte nicht gehört. 

Vergesst die Gastfreundschaft nicht, denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt. Dieser Satz macht mich neugierig auf die, die kommen. Wer weiß, was ich von ihnen hören kann.

Mit herzlichen Wünschen für gute Begegnungen im Juni
Ihre  Barbara Neubert

Monatsspruch Mai 2018

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Heb 11,1

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt Worte, die haben einen besonderen Klang, lösen bei denen, die sie hören, etwas aus, wenn sie diesen Worten in sich Raum geben.

Es sind Worte, die in sich selber eine Tiefe haben, Worte, die ein Stück Ewigkeit widerspiegeln, Worte, von denen ich spüre: ich kann nur einen Teil von ihnen erfassen.

Liebe ist meines Erachtens so ein Wort, oder Sehnsucht. Und Glaube.
Als Substantiv kommt dieser (lt. Zürcher Konkordanz) in der hebräischen Bibel, unserem Alten Testament, siebenmal vor, im Neuen Testament ungefähr zweihundertvierzigmal.

Dabei ist es allein der uns unbekannte Schreiber des sog. Hebräer-Briefes, der so etwas wie eine Definition von „Glaube“ unternimmt. Diese „Definition“ ist uns im Mai mit auf den Weg gegeben: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Heb 11,1

In anderen Übersetzungen klingt es so:
„Was ist nun also der Glaube? Er ist das Vertrauen darauf, dass das, was wir hoffen, sich erfüllen wird, und die Überzeugung, dass das, was man nicht sieht, existiert.“ (Neues Leben)
Oder: „Glaube aber bedeutet: Ausprägung des Erhofften, Ausweis von Wirklichkeiten, die man nicht erblickt.“ (Fridolin Stier)
Oder: „Es ist aber Glaube ein Bestehen auf den Hoffnungen und ein Beweis für die Wirklichkeit des Unsichtbaren.“ (H.-P. Jost)

Zu der tieferen Dimension des Glaubens gehört für mich, dass Glaube etwas ist, mit dem ich nie „fertig“ werde im Leben. Glaube hält in mir die Sehnsucht danach wach, mich immer tiefer in Gott zu verwurzeln, mich in Gott zu gründen. Und das bei aller Vorläufigkeit und Brüchigkeit. Denn: Zum Wesen des Glaubens gehört eben, auf etwas zu bauen, was ich nicht im Griff habe. In unserem „Kredit-Gewähren“ schwingt das lateinische credere (glauben, vertrauen) mit.

Was das biblisch heißt, das fädelt der Schreiber des Hebräerbriefes wie Perlen auf eine Kette. Angefangen von Abel über Henoch, Noah, Sarah, Mose, Rahab und viele Ungenannte weist er aus, was ihr Glaube jeweils bewirkt hat. Bei allen Geschichten ist die Pointe: Im Glauben trauen sie dem unsichtbaren Gott mehr als den eigenen Augen, setzen so auf eine andere Zukunft als jene, die nach menschlichem Ermessen zu erwarten wäre. Sie setzen auf die Zukunft Gottes. Damit erreichen sie oft Großes - und werden belohnt.

Und wieviel geschieht bis heute aus Glauben, gegen alle Wahrscheinlichkeit?! Wie viele Menschen starten Projekte, gehen in den Widerstand, öffnen Lebensperspektiven, wagen Hoffnung - aus Glauben!

Pfingsten - jenes so wenig greifbare Fest um die Kraft des Heiligen Geistes, die weht, wo sie will - steht vor der Tür. Genau diese Kraft ist es wohl auch, die Glauben wachsen lässt - gegen allen Augenschein.

Dass wir uns von dieser Kraft erfüllen und leiten lassen, dass unser Glaube, unser Vertrauen wachsen kann und wir daraus Mut, Fantasie und Kraft gewinnen, an Gottes Reich mit zu bauen - das wünsche ich Ihnen und mir.

Ihre Gabriele Helmert

Monatsspruch April 2018

Jesus Christus spricht: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Joh, 20,21

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Friede sei mit euch! Peace be with you! La paz sea Ustedes!

In welcher Sprache auch immer, diese Worte erreichen mein Herz. Sitz des Gefühls im Deutschen, Sitz des Verstandes im Hebräischen. Und bei Ihnen?

Friede sei mit euch! Paix à vous! Ik wens jullie frede!

Ich höre diese Worte und spüre, wie der Friede wächst. er kommt, im Segen eingehüllt, und erreicht sein Ziel: uns Menschen.

Friede sei mit euch! Mir Božiji je s vama! Pokój wam!

In welcher Sprache auch immer. ich wünschte der Friede könnte die Menschen in der Ukraine, rund um Donezk erreichen und die Menschen in Syrien. Ich wünschte, er könnte die Menschen erreichen, die der Krieg aus Afghanistan getrieben hat, und die jungen Menschen, die aus Eritrea geflohen sind. Und immer wieder hoffe ich, dass er die Menschen in Israel erreicht, an dem Ort, an dem Jesus diese Worte gesprochen hat. Von wo sie ausgegangen sind, rund um die Welt.

Friede sei mit Euch! שלום مالسلا مكيلع
Jesus hat dies zu seinen Jüngern gesagt. Die Geschichte von Maria Magdalena am Grab wird zu Ostern erzählt. Sie erfährt, dass Jesus auferstanden ist, und erzählt es sofort den Jüngern. Gleich danach berichtet das Johannesevangelium, dass Jesus sich seinen Jüngern zeigt. er geht zu den Menschen, die nicht wissen, wie sie ohne ihn weiter leben sollen.

Zu ihnen sagt Jesus: Friede sei mit euch!

Dies sind die ersten Worte, die sie nach seinem Tod aus seinem Mund hören. Diese Worte sind das Wichtigste, das Jesus ihnen nach seiner Auferstehung sagen will.
Diese Worte sind der Segen, mit dem die Freunde Jesu weiterleben.

Zu Ostern werden sie in den unterschiedlichsten Sprachen zu hören sein, damit der Segen uns Menschen erreicht.
Herzliche Grüße und frohe Osterzeit wünscht Ihnen Barbara Neubert

Ihre Pfarrerin Barbara Neubert

PS: Falls Sie überlegen, in welchen Sprachen ich den Friedenswunsch Jesu hier zitiert habe: es ist Englisch, Spanisch, Französisch, Niederländisch, Serbisch, Polnisch, Arabisch und Hebräisch.

Monatsspruch März 2018

Jesus Christus spricht: Es ist vollbracht! Johannes, 19,30

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

„Finito. Fertig. Es ist vollbracht.“

Für manche mag das ein Stoßseufzer der Erleichterung sein: der Schlussstrich ist gezogen unter eine rechtzeitig fertig gewordene Semesterarbeit, eine schwierige Stellenbesetzung oder eine mut-kostende Trennungsansage. Wer hat dabei schon im Blick, dass das „Es ist vollbracht“ ein Zitat aus der Passionsgeschichte Jesu ist?

Der Evangelist Johannes überliefert es als das letzte Wort, das Jesus spricht, bevor er den Kreuzestod stirbt. Im Griechischen ist es ein einziges Wort: tetelestai.
Die alten Griechen waren stolz darauf, dass sie mit wenigen Wort viel sagen konnten. Das gilt auch für das Wort tetelestai. In diesem „Tropfen eines Wortes“ steckt ein „Meer von Bedeutung“ – jedenfalls wenn wir auf den Evangelisten Johannes schauen und was er mit seiner Version der Passionsgeschichte und eben auch mit dem „Es ist vollbracht“ ausdrückt: der Kreuzestod ist nicht allein ein Lebensende sondern vor allem ein Werk der Erlösung.

Die Tradition hat insgesamt sieben dieser „Worte Jesu am Kreuz“ aus den vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zusammengestellt:
1.  „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)
2.  „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“  (Lk 23,43)
3.  zu seiner Mutter Maria: „Frau, siehe, dein Sohn!“ und zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26-27)
4.  „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34; Mt 27,46)
5.  „Mich dürstet.“ (Joh 19,28)
6.  „Es ist vollbracht.“ (Joh 19,30)
7.  „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Nicht nur Musiker und Musikerinnen haben sich ansprechen lassen von diesen sieben Worten. Menschen, die heute in der Palliativ-Seelsorge tätig sind, sehen darin eine Art „Programm zum guten Sterben“. Sie erleben in der Begleitung von Sterbenden, dass diese Worte eine tiefe, innere Weisheit in sich tragen, eine Weisheit, die auf dem Weg des Abschieds hilfreich sein kann – für Gläubige und für Nichtgläubige:
– Vergeben können befreit von unguten Bindungen an die, von denen ich Unrecht und Kränkungen erfahren habe. Die Zusage, dass es etwas über das irdische Leben Hinausgehendes gibt, mildert ggf. die Angst vor dem Ende.
– Das Wissen, dass die,  die mir am Herzen liegen, bei einander Trost finden, entlastet.
– Ebenso das Eingeständnis: „Ich fühle mich im Stich gelassen“ und „Mein (Lebens-)Durst ist nicht gestillt“.
– Und: loslassen gelingt eher, wenn ich dazu bereit bin – auch weil ich mich vertrauensvoll loslassen kann in Gottes Hand.

In diese Haltung hineinzuwachsen – bereits jetzt sie einzuüben für die kleinen und großen Abschiede, die uns im Leben immer wieder abgefordert werden … das könnte ein lohnendes Vorhaben für die Passionszeit sein – um dann, nicht nur am Ostersonntag, auch mitten im Leben immer wieder Auferstehung zu erleben!

Ich wünsche Ihnen in diesen Wochen der Passionszeit immer wieder die Chance innezuhalten. Vielleicht nehmen Sie eines der Worte vom Kreuz mit in Ihren Tag, vielleicht erfahren auch Sie dann: „Es ist vollbracht“, indem etwas, was Sie belastet hat, „sterben“ konnte und Sie neu auferstehen an Ostern oder an einem anderen Tag, von Gott geschenkt.

Ihre Pfarrerin Gabriele Helmert

Monatsspruch Februar 2018

Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. Deuteronomium 30,14

Liebe Leser und Leserinnen, 

Wo war nur der Einkaufszettel hingeraten? Sie hatte sich extra hingesetzt, alles aufgeschrieben, um nicht wieder das Salz zu vergessen. Jetzt war der Zettel nicht mehr in ihrer Manteltasche. Weder links, noch rechts. Sie versuchte sich an alle zehn Dinge zu erinnern, die drauf standen... oder waren es zwölf gewesen? Zehn oder zwölf Wörter, die würde sie wohl doch erinnern. Sie kaufte ein, brachte zwei Einkaufstaschen voll nach Hause. In der Küche lag ihr Einkaufszettel. Vergessen hatte sie die Zwiebeln. 

Der Monatsspruch für Februar, aus dem 5. Buch Mose, ist so ein Wo-schreibe-ich-diese Wörter-hin-damit-ich-sie-nicht-vergesse. Mehr noch, Gott hat gesehen, wie schnell Menschen seine Worte vergessen, sie irgendwo hinlegen und nicht mehr wissen, wo sie sind. Oder dass sie gefühlt weit weg sind, irgendwo im Himmel oder auf der anderen Seite des Meeres. Nun will er sie so aufschreiben, dass die Menschen sie nicht mehr vergessen. Wohin kann er seine lebenswichtigen Worte schreiben?

Woher kommt eigentlich die Sitte, in den Ehering den Namen des Anvertrauten zu gravieren? Ich habe auch noch nie erlebt, dass jemand in seinem Ehering nachschaut, weil ihm der Name seiner Ehefrau / seinem Ehemann im Moment nicht einfällt. Trotzdem: dieses Wort gehört direkt an den Finger. 

Es geht noch dichter. Vor einer Weile las ich auf einer Wade: „Glaube – Liebe – Hoffnung“ Ob der Mann, der sich diese Worte hatten stechen lassen, weiß, dass sie aus der Bibel stammen? Die Worte sind ihm so wichtig, dass er sie auf seiner Haut eingraviert mit sich trägt. 

 Und es geht noch dichter: Das Wort ist bei dir, in deinem Mund und in deinem Herzen. – Bitte halten Sie das „Du“ nicht für unhöflich. Gott spricht uns nicht mit „Sie“ an. Und so steht in diesem Vers „Du“ und meint nicht nur Sie und mich, sondern das ganze Volk zusammen. Gottes Lebenswort geht direkt ins Herz. Näher geht nicht. Jetzt müssen wir es nur noch tun. 

Ihre Pfarrerin Barbara Neubert

Jahreslosung 2018

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Offenbarung 21,6

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

traditionell schauen wir zur Jahreswende auf die Jahreslosung, die uns im vor uns liegenden Jahr begleiten wird. 2018 ist es die Zusage, dass den Durstigen gegeben wird aus der Quelle des lebendigen Wassers – umsonst.

Das Buch der Offenbarung, aus dem das Gotteswort genommen ist, gilt als „apokalyptischer“ Text.
Die Apokalyptik will aufdecken, enthüllen, will Missstände wahrnehmen und benennen.

Für seine Zeit und sein Umfeld entlarvt der Seher Johannes Gewalt, indem er Schreckens-Bilder malt. Gleichzeitig zeigt er auf, wie die Gewalt unterbrochen werden kann, wie die Menschen, die seine Texte lesen, ihre Mittäterschaft verweigern können.

Und er zeichnet Visionen der Gerechtigkeit und der nähe Gottes: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Der Durst der Durstigen kann vielfältig sein: Durst nach Wasser, Durst nach Liebe, Durst nach Wissen, Durst nach Anerkennung; manche sind getrieben von einem Durst nach Rache ...

Im Dezember tagte der Welt-Klimagipfel in Bonn. Er stand in diesem Jahr unter der Präsidentschaft der Fidschi-Inseln. Für die Delegierten dieser Inselgruppe wie für viele Delegierte (und die, die sie vertreten,) ist Wasser ein (Über-) Lebensthema. Und das aus gegensätzlichen Gründen: Die einen haben viel zu viel Wasser, um überleben zu können, die anderen haben viel zu wenig. Den einen nimmt das Wasser Grund und Boden, den anderen fehlt das Wasser, um Grund und Boden zu bebauen und bepflanzen.

Die einen wie die anderen gehen mir nicht aus dem Sinn – ebenso wenig die „dritten“: wir, die wir durch unsere Ansprüche, durch unseren Lebensstil rücksichtslos Ressourcen aufbrauchen und das Unsere dazu beitragen, dass der Klimawandel immer mehr Fahrt aufnimmt, statt dass wir uns bemühen, die Erderwärmung zu verlangsamen. Die Habenden gieren nach mehr und verkaufen denen, die nichts haben, Trinkwasser in Kanistern – weil das Wasser vor Ort spärlich fließt. Und das, was fließt, ist oft noch verunreinigt durch Chemikalien, intensive Rohstoffgewinnung oder durch überdüngte Böden.

„Wenn es so weitergeht, gibt es eine Katastrophe“ - sagen die einen. „Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe“ - sagt Walter Benjamin.

„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers.“
Das gilt für einen jeden, eine jede, die sich dafür einsetzen, dass es eben nicht „so weitergeht“, das gilt für die, die es „hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit“.
Wobei „Gerechtigkeit“ zunächst einmal ein abstrakter Begriff ist – und das bleibt sie, wenn sie nicht gelebt wird. „Umsonst!“ - für nichts soll es das geben.
Entscheidend ist, sich des Durstes bewusst zu sein.

Ich wünsche uns den Durst nach Gottes Reich im hier und jetzt.
Und das Vertrauen, das uns gegeben wird von der Quelle des lebendigen Wassers. Umsonst.

Ihnen und uns allen einen guten Übergang in das neue Jahr.

Ihre Gabriele Helmert.

Monatsspruch Dezember 2017

Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes wird uns besuchen das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Lk 1,78-79

Schon wird geschmückt, schon glänzen die Weihnachtssterne in den Schaufenstern, schon leuchten Kinderaugen in Erwartung von Nikolaus, Christkind, Weihnachtsmann....

An so vielen Ecken drängt es Menschen zur großen Freude an Weihnachten; für uns Christinnen und Christen ist sie mit der Geburt Jesu verbunden.
Und gerade deshalb bitten wir für die, „die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“.

Wir denken in diesen Tagen an die Verstorbenen und ihre trauernden Hinterbliebenen; und wir denken an all jene, die politisch verfolgt werden und zu Unrecht oder ohne Anklage und rechtsstaatliches Verfahren eingesperrt sind. Wir bitten Gott um Beistand, damit er unsere Füße auf den Weg des Friedens führt.

Das aufgehende Licht in dunklen Zeiten kann in verschiedensten Formen aufleuchten. Das erzählt uns diese Geschichte des uruguayischen Journalisten und Schriftstellers Eduardo Galeano, die er in den 70er Jahren während der Diktatur in Uruguay geschrieben hat. Sie möge ihr Licht der Hoffnung, der Freude, des Glaubens aussenden, besonders in den vor uns liegenden Wochen.
Katja Barloschky/Newsletter-Redaktion


Verbotene Vögel
Die politischen Gefangenen in Uruguay durften ohne Erlaubnis nicht reden, auch nicht pfeifen, lächeln, singen, schnell gehen oder andere Gefangene grüßen. Sie durften auch keine Bilder von schwangeren Frauen, Paaren, Schmetterlingen, Sternen oder Vögeln bekommen.

Didako Perez war wegen „ideologischer Ideen“ eingesperrt. Eines Tages wollte seine fünf Jahre alte Tochter Milay ihn sonntags besuchen und brachte eine selbstgemalte Zeichnung von einem Vogel mit. Die Gefängniswärter zerstörten das Bild am Eingang zum Gefängnis.

Am folgenden Sonntag kam Milay mit einer Zeichnung mit Bäumen. Bäume sind nicht verboten und das Bild kommt durch. Didako lobt die Zeichnung seiner Tochter und fragt dann, was die kleinen farbigen Punkte oben im Baum sind, die man kaum zwischen den Blättern sehen kann: „Sind das Orangen? Was für Früchte sind das?“.

Das Mädchen hält einen Finger vor den Mund und sagt leise „Pssst!“. Dann flüstert sie in sein Ohr: „Bist Du albern? Siehst Du nicht, dass das Augen sind? Es sind die Augen der Vögel zwischen den Zweigen, die ich für Dich hereingeschmuggelt habe!“
Eduardo Hughes Galeano
1940 – 2015

Monatsspruch November 2017

Gott spricht: Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Ez 37,27

Liebe Leser und Leserinnen,

Wenn Gott sagt, „ich will unter ihnen wohnen“, und wenn er dann unter uns wohnt, wo wird er dann sein? Geben wir ihm ein Zimmer im 5 Sternehotel, mit Blick auf den Berliner Dom? Wohnt er lieber mitten im Zentrum, mit vielen Cafés und Restaurants, oder eher hier draußen, mit Füchsen, die abends durch die Gärten streifen. Bieten wir ihm das schönste Zimmer an, das wir haben?

Ich will unter euch wohnen, sagt Gott. Ob er bei einer Familie mit vier lebhaften Jungs leben will? Da ist immer Aktion. Und wenn er abends Geschichten erzählt, dann freuen sich alle. Oder geben wir ihm lieber einen Platz bei der alten Frau, die jeden Morgen mit einem Seufzer aufsteht. Da kann er das alte Zimmer vom Sohn haben, der schon lange ausgezogen ist. Will Gott bei einer Familie wohnen, die immer in Lichterfelde gelebt hat? Oder ist ihm das egal. Würde er mit jemanden zusammen wohnen wollen, die ein Kopftuch trägt?
Reicht es, wenn er eine Iso-Matte unter einer Brücke bekommt, denn eigentlich ist für ihn kein Platz. Sein Kommen würde zu viel durcheinanderbringen. Wenn es kalt wird, kann er in der Notunterkunft in der Franklinstraße wohnen. Die Leute da sind wirklich nett.

Wenn Gott selbst bei uns wohnen will, welchen Platz bieten wir ihm an? Ein klassischer Ort für Gott wäre die Kirche. Aber die Pauluskirche hat keine Dusche und ist daher unpraktisch. Die Dorfkirche ist einfacher zu heizen, hat aber auch nur eine Toilette. Aber ich stelle mir vor, dass Gott eher irgendwo mittendrin wohnen will.

Ich will unter ihnen wohnen, sagt Gott. Aber so einfach ist das nicht. Und das hat nicht nur mit dem Wohnungsmangel zu tun.

Vor 72 Jahren ging der Krieg zu Ende, vor fast 99 Jahren der 1. Weltkrieg. Danach kamen Soldaten nach Hause, etliche erst nach Jahren der Gefangenschaft. Wo sollten sie wohnen? Mitten unter denen, die den Krieg überlebt hatten, davongekommen waren.

Die Gefangenen der Konzentrationslager kamen zurück. Manche wollten wieder dort wohnen, wo sie vor 1933 gelebt hatten. An ihnen konnten wir etwas von dem verstehen, was es heißt, dass Gott mitten unter uns wohnen will. Sie, die die Male des Krieges und der Gewalt an sich trugen und die jeder für sich und auf seine Weise Mahner zum Frieden waren.

Der Prophet Ezechiel schrieb: „Gott sagt: ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.“ Ezechiel schrieb dies in einer Zeit, als sich das Volk von Gott verlassen fühlte und sich nicht vorstellen konnte, dass Gott überhaupt noch in seiner Nähe ist. Nun will er sogar unter ihnen wohnen, will da sein, den Alltag mit ihnen teilen.

Für mich klingt in diesen Worten schon die Weihnachtsgeschichte auf: Gott will unter uns wohnen. Im November ist zwar noch nicht Advent, aber Maria war schon im letzten Drittel der Schwangerschaft. Es war unübersehbar, dass da jemand unter ihnen wohnen wollen wird. Dass es Gott selbst ist, wagt zu der Zeit kaum einer zu hoffen. Wo wird er wohnen?

Herzliche Grüße aus der Redaktion des Paulusbriefes, die jede Woche Anfragen bekommt von Menschen, die dringend eine Wohnung suchen.

Ihre Pfarrerin Barbara Neubert

Monatsspruch Oktober

Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut. Lk 15,10 (L)

Liebe Leser und Leserinnen,

… ob das ein Spruch nach Luthers Herz gewesen wäre, dieses Bibelwort, mit dem eins seiner Anliegen, die Menschenfreundlichkeit Gottes darzustellen, zum Zuge kommt?
Er passt zu Luthers Ringen um „innere“ versus „äußere“ Frömmigkeit“.  Und – honi soit qui mal y pense – er mag uns ein guter Begleiter sein aus dem zu Ende gehenden Reformationsjubiläumsjahr, das so unterschiedlich erlebt und aufgenommen worden ist.

„Gut so“ mag der eine, die andere im Stillen denken, „dann können wir jetzt ja wieder zum Wesentlichen kommen.“ Andere mögen sagen: „Ach, war da was?“ Und wieder andere ziehen Bilanz, fragen, was bleibt, fragen, was hat(te) das Reformationsjahr mit mir zu tun?

In mir geben sich die verschiedenen Positionen ein Stell-dich-ein:
Ja, manchmal war es mir zu viel: Luther, Luther, Luther, von der Qietsche-Ente bis zur Socke, von der Nudel bis zum Lätzchen.

Dazwischen gab es aber auch viele ernsthafte Auseinandersetzungen mit unserem schillernden Reformator. Allein, wo kamen sie an? Wer hatte die Zeit, sich damit zu beschäftigen? Der Alltag ist doch allemal schneller...

Und dass der sog. Thesenanschlag 1517 eigentlich nur Anlass für das Reformationsjahr ist, dass darüber hinaus „R e f o r m a t i o n“ in aller Vielfalt ins Auge genommen werden soll, war vor allem während der Konventsfahrt 2015 nach Prag Thema, wo unsere Gesprächspartner*innen immer auch den Blick auf Jan Hus lenkten, den böhmischen Reformator, der hierzulande kaum eine Rolle spielt. (In Klammern: Von Luther heißt es, dass er sich erst einige Zeit nach der Niederschrift seiner Thesen explizit mit Hus beschäftigt habe, um dann, quasi als sein direkter Nachfolger, festzustellen: „Wir sind alle Hussiten, ohne es gewusst zu haben“.).

Ja, die Fülle des Reformationsjubiläums löste bei mir Gefühle von Überforderung aus – und manchmal den Selbstschutz: „Abschalten“.
Und gleichzeitig hat mich das Reformationsjahr angeregt, über das „reformatorische Erbe“ nachzudenken, das zu meinem Lebensweg gehört:

• Dass es „uns“ und „die anderen“ gibt, wurde mir früh bewusst, als ein Wohnungswechsel den Wechsel aus einem evangelischen in einen katholischen Kindergarten mit
sich brachte. Ich erinnere, dass es manches gab, was mir dort fremd war, mich gleichzeitig jedoch auch faszinierte (z.B. Rosenkranz und Marienaltärchen).

• Die Schulzeit erlebte ich in der Diaspora, mit konfessioneller Volksschule (samt getrennten Pausenhöfen), mit munterer Mischung im Gymnasium, mit Fremdheit und Annäherung, Gleichgültigkeit und Gewohnheit (Zitat Beikircher* über die röm.-kath. Rheinländer: „Wie biste getauft?“ „Nomaal“).

• Später dann parallel verschiedene Begegnungen mit evangelischen Gemeinschaften, mit der besonderen Atmosphäre von Kirchentagen und die Zeit in der katholischen Studentengemeinde, wo ich explizit als Evangelische willkommen geheißen wurde und über einige Jahre spirituelle Heimat fand.

So durfte ich beides schätzen lernen: die Fülle der Liturgien dort u n d die Bedeutung des Wortes in der evangelischen Kirche; die Selbstverständlichkeit, Vertrautheit und Gemeinschaft im kommunizierten Glauben u n d die Freiheit meines Glaubensweges. Für diese Bereicherung in meinem Leben bin ich dankbar!


Und ich lernte: hier wie dort gibt es enge-einengende Positionen, hier wie dort haben reformatorische Persönlichkeiten gewirkt und wirken weiterhin (z.B. Leonardo Boff und Dorothee Sölle, Hubert Halbfas und Nadja Bolz-Weber), hier wie dort gab und gibt es Unverständnis, Ausgrenzung, Verletzung ebenso wie Neugier, Wertschätzung. Und hier wie dort erfahren Menschen: Gottes Geist weht, wo er will.

Und das wird – zum Glück – auch nach dem Jubiläumsjahr so sein ... auf allen Seiten von Gottes Weinberg!

Dass wir diese Geistkraft immer wieder in uns spüren, uns davon inspirieren und dazu verleiten lassen, in dieser Kraft an Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit mitzuwirken - und ggf. auch umzukehren von menschen- und gottesfeindlichen Wegen: das wünsche ich uns von Herzen.

Ihre Gabriele Helmert

* Konrad Johann Aloysia Beikircher, geb. 22. Dezember 1945 in Bruneck / Südtirol, ist ein rheinischer Kabarettist, Musiker und Autor

Monatsspruch September 2017

Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein. Lk 13,30 (L)

Liebe Leser und Leserinnen, 

diese Rede von den Letzten und den Ersten hat mich oft geärgert. Das klingt nach „Nur einer kann gewinnen!“, und „Wer ist die Beste?“. Das hört sich nach Konkurrenzkampf in Glaubensdingen an. Leistungsdruck haben wir in unserer Gesellschaft genug. Wollen wir den auch noch mit Worten aus der Bibel unterstützen? 

Das neue Schuljahr beginnt. Viele Schülerinnen und Schüler spüren den Leistungsdruck sehr. Kaum eine*r, die und der sich dem entziehen kann. Hauptsache, die Noten stimmen.

„Es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und es sind Erste, die werden die letzten sein.“, sagt Jesus. Wenn ich mit Leistungsdruck und Konkurrenzkampf an diese Worte gehe, komme ich nicht weiter.

Aber Jesus wird nicht den Leistungsdruck in den Schulen im Blick gehabt haben, als er diesen Satz sagte. Er hatte die Menschen in den Städten und Dörfern gesehen, durch die er gezogen war. Er hatte Männer gesehen, die nicht genug verdienten, um ihre alten Eltern zu unterstützen. Er hatte Mütter gesehen, die um ihre gekreuzigten Söhne trauerten. Er hatte alte Menschen gesehen, die vor der Synagoge saßen und bettelten.

Er hatte Menschen gesehen, die ihre Hoffnung verloren hatten und nicht mehr glaubten, dass Gott auf ihrer Seite ist.

Für sie hat Jesus diesen Satz gesagt, für die Letzten der Gesellschaft, für die Vergessenen, für die, die sich nicht mehr vorstellen können, dass das Leben eines Tages gut sein wird.
Aus ihrer Sicht macht der Satz Sinn.

Die Letzten werden die Ersten sein: Eines Tages werden sie nicht die Vergessenen sein, die nicht gehört, nicht ernstgenommen werden. Eines Tages wird nicht mehr gelten „wer arm ist, der wird arm bleiben“, sondern die Armen werden an erster Stelle stehen, angesehen und geachtet sein.

Jesus hat sie schon jetzt als Erste gesehen, als die, die Gott besonders liebt. Ihre Würde wurde sichtbar für andere und vor allem für sie selbst. 

Für unser Schulsystem wünsche ich mir mehr von dieser Perspektive: dass die Kinder gesehen werden, und nicht der Schulabschluss der Eltern; dass nicht zählt, welchen Beruf die Eltern haben, sondern die Begabungen der Schüler*innen. Dieser Satz hilft, dass ich mich nicht daran gewöhne, dass Kinder bei uns nicht die gleichen Chancen haben. 

Der Glaube, dass Gott jedes Kind mit seinen Begabungen sieht, begleitet mich beim Gottesdienst zum Schulanfang, in dem jedes Kind für seinen Schulweg gesegnet wird.

Wie schön, dass wir diese Tradition haben.

Allen Schüler*innen und Eltern, aber auch den Großeltern wünsche ich einen guten Start ins neue Schuljahr!

Ihre Barbara Neubert

Monatsspruch August 2017

Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein. Apg 26,22

Liebe Leser und Leserinnen,

Gottes Hilfe haben wir erfahren und Hilfe von Menschen. Der Kirchentag war aufregend. Würde alles klappen, zumindest das Wichtigste? Würden genug Menschen da sein, um zu helfen? Menschen, die ihre Wohnung öffnen für Gäste, Menschen, die um 6 Uhr für 100 Leute Frühstück machen, die sich die Nacht um die Ohren schlagen, damit die anderen in der Schule gut schlafen können, Menschen, die sich um die Organisation kümmern und weiter wissen, wenn etwas schief geht? Würden Menschen sich begeistern und anstecken lassen, von der Energie, die der Kirchentag mitbringt? Ja, es hat geklappt. Danke!!

Menschen haben geholfen und haben sich anstecken lassen. Viele Menschen waren da, haben angepackt und einfach gesagt: „Gerne, ist doch selbstverständlich.“

Einen großen Anteil hat daran Carola Meister, unsere Diakonin. Sie hat sich mit ihrer Energie, Gelassenheit und einem großen Netzwerk um Kirchentagsgäste bei uns in Paulus gekümmert und war für die Ehrenamtlichen da.

Wenn ich heute, einige Wochen später, daran denke, sind diese vielen Begegnungen ein schönes Wunder. Dahinter steckt eine Kraft, die auch Geist Gottes heißt. Wenn ich bei Paulus lese: „Gottes Hilfe haben wir erfahren“, dann ist es für mich genau dies: Gottes Geist ist da, hat Menschen angesteckt und begeistert. Hilfe war da, wann immer sie nötig war. So vieles beim Kirchentag hat geklappt.

Vermutlich sagt Gott dazu: „Gerne, ist doch selbstverständlich.“

Paulus hat aus der Hilfe, die er bekommen hat, die Konsequenz gezogen, dass er Zeuge sein wollte – bei Groß und Klein. Es waren nicht nur Philemon und Aquila, die ihm geholfen haben, nicht nur Chloe aus Korinth und seine Freunde in Ephesus, sondern für ihn war es immer wieder Gott, dessen Hilfe
er erlebt hat. Gottes Geist hat Menschen in Bewegung gesetzt, dass sie für andere da sein konnten. Mir geht es so, wenn ich an den Kirchentag denke. Dankbar schaue ich auf diese Tage: Gott sei Dank für dieses Fest mit seinen Liedern und Begegnungen, mit Gesprächen und Entdeckungen, mit neuen Ideen für unsere Kirche.

Ihnen wünsche ich einen schönen Sommer, in dem Große und Kleine, Sie und ich Gottes Hilfe erfahren.
Ihre Barbara Neubert

Feriensegen

Ein Feriensegen der anderen Art ...

Im übrigen meine ich
Dass Gott unser Herr

Uns einen großen Sommer schenke
Den Familien einen Korb voll Ruhe
Und viele hoffnungsvolle Blicke auf Grün und Blau

Wiesen und Wasser und weiße Strände –

Leise Monate

Dass er das Geschrei aus der Welt nimmt

Und Stille verordnet

Dazu gehört, dass er den Kriegern ihr Handwerk

Aus den Händen nimmt
Und denen, die ohne Arbeit sind die Hoffnungslosigkeit

Und die Mächtigen nicht zu Mafiosi werden lässt
Alle können wir daran mittun und daran arbeiten

Dass das Leben langsamer verläuft
Dass die Welt alle Aufregung verliert
Und die Menschen sich länger ansehen können
Um sich zu sagen: Wir lieben euch!
Gott unser Herr möge diese Stille segnen
Möge diese Stille denen überall in die Ohren blasen
Die unsere Zeit noch schneller machen möchten
Und damit noch kürzer noch atemloser
Gott unser Herr wir bitten dich: Mach es!
Auf dass unser Herz wieder Luft schnappen kann
Unser Auge aufhört zu zappeln
Und unser Ohr wieder richtig hört
Und nicht alles vergisst
Denen die uns dies alles austreiben möchten
Möge Gott der Herr einen Blitz ins Gesäß jagen
Damit sie ihr unmenschliches Tun einsehen
Und die Menschen seines Wohlgefallens in Ruhe lassen
Im wahrhaftigsten Sinn dieses Wortes in Ruhe lassen
Und wir wollen unseren Herrgott abermals bitten
Dieses Ansinnen von uns überall zu segnen
Und weil es sein muss sofort und immerdar!
Danke und Amen. 

Hanns-Dieter Hüsch.

Monatsspruch Juni 2017

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Apg 5,29

Pfarrerin Gabriele Helmert:

Liebe Leserinnen und Leser.

Manchmal kommen so herausgeschnittene Bibelworte ziemlich ‚steil’ daher ... Geht Ihnen und Euch das auch so? Schrittweise suche ich nach einem Schlüssel.

Erster Schritt: eine spontanen Umfrage.
Wir warten auf den Bus mit den nächsten 70 Kirchentagsgästen, die in ihrer Gemeinschaftsquartier-Schule hier in Lichterfelde in Empfang genommen und mit allen nötigen Informationen versorgt werden wollen. „In welchem Klassenraum rolle ich meine Iso-Matte und meinen Schlafsack aus?“, „Wo ist die nächste Toilette?“, „Wie komme ich am schnellsten zum Abend der Begegnung?“ ....
Wir Freiwilligen, Menschen zwischen 13 und 63, von evangelisch bis katholisch, alle unterschiedlich in Gemeinde engagiert, mit „Kirche“ groß geworden.
Ich frage also in die Runde: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ - was fällt Dir dazu ein?Fragezeichen in den Blicken, Schweigen, Halbsätze: „Mh. Muss ich mal drüber nachdenken“ oder „Das würde ja heißen, dass ich weiß, was Gott von mir will ...“ oder „Ja, und Vater und Mutter ehren ...“
So unkommentiert und zusammenhangslos klingt der Satz eher unpersönlich, unangenehm-fordernd, erzeugt bei manchen Unbehagen.
Auch für mich hören sich die Worte merkwürdig hohl an.

Zweiter Schritt: Der Blick in die Bibel.
Ich schaue in die Bibel. Wo steht dieser Satz? Wer sagt ihn zu wem?
Und siehe - es ist, als wäre ein Schalter umgelegt worden:
Das unpersönliche „man“ entpuppt sich als Selbstaussage. „Ich, Petrus, kann nicht anders als die Frohe Botschaft zu verbreiten. Auch wenn Ihr vom Hohen Rat das verboten habt, uns auspeitscht, mich und meinen Mitstreiter dafür ins Gefängnis steckt – ich höre nicht auf, von Jesus Christus zu reden, seine Lehren zu predigen.“
Derselbe Petrus, von dem die Passionsgeschichte erzählt, er habe aus Furcht um das eigene Leben Jesus verleugnet, der steht nachösterlich-nachpfingstlich mutig da und sagt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Auf dem gerade zu Ende gegangen Kirchentag gab es für mich immer wieder – virtuell und real - Begegnungen mit Menschen, die Gott mehr gehorcht haben, die Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Menschen, die in vielen Jahrhunderten mutig waren, gelebt haben wie Martin Luther oder die Frauen der Reformation.
Menschen, die heute ihrem Gewissen folgen, ihrem Glauben an Gott, den wir Christinnen und Christen drei-in-ein bekennen. Und deshalb in kleinen und großen Dingen konsequent leben - von der regionalen, biologisch und fleischarmen Verpflegung auf dem Kirchentag bis hin zum Einsatz für Flüchtlinge, und das auch unter politischem Druck.
Bin ich als Einzelne, sind wir als Gemeinde immer achtsam dafür, wo wir gefragt sind, einzustehen für Frieden, Versöhnung, Bewahrung der Schöpfung?
Bleibe ich vielleicht zu oft in meiner vertrauten (Kuschel-)Ecke, versuche, niemandem weh zu tun, um mich selber nicht angreifbar zu machen?

Das Bibelwort, das mir am Anfang so steil erschien, erweist sich am Ende als nah, alltagstauglich. Es macht mir Mut, mein Christ-Sein nicht nur auf dem Papier und an Sonntagen, sondern alle Tage zu leben – und das kann auch bedeuten, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.

Ihre Gabriele Helmert

Monatsspruch Mai 2017

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt. Kol 4,6

Pfarrerin Gabriele Helmert:

Ostern, das Fest der Auferstehung, liegt hinter uns.
Die Konfirmationen, Himmelfahrt mit dem Evangelischen Kirchentag und Pfingsten folgen. Hoch-Zeiten im Kirchenjahr, Hoch-Zeiten in der Gemeinde, bevor es in die lange „Fest-lose“ Trinitatiszeit geht.

Und in unserem Alle-Tage-Leben (und Er-Leben)?
Da braucht es, dass Ostern immer wieder neu eingeholt wird, um in uns lebendig zu bleiben.

Sicher, jeder Sonntag ist/sollte sein ein kleines Fest der Auferstehung - weswegen wir ja in den christlichen Kirchen an diesem, dem 8. Tag, den Ruhetag Gottes feiern, nicht mehr am Sabbat, dem im biblischen Schöpfungsbericht grundgelegten 7. Tag.
Gleichzeitig ist es ein ebenso spannendes wie lebensförderliches Unterfangen, über den Sonntag hinaus einen alltäglichen Blick für das Wunder der Auferstehung zu entwickeln.

Denn: Auferstehungszeichen finden wir überall - dort, wo sich etwas verändert. Wo etwas neu wird. Wo sich Leben Bahn bricht. Wo Liebe wächst.
Z.B. auf dem Kirchentag mit all den Erfahrungen und Begegnungen, die mir dort geschenkt werden. Und dabei ist es egal, ob ich zu einer der vielen Veranstaltungen gehe, ob ich als Gastgeberin neue Menschen kennenlerne oder ob eine U- oder S-Bahnfahrt zu einem spontanen Mit-Singe-Konzert wird.
Z.B. an einem beliebigen Tag -  an dem ein Jugendlicher im Bus aufsteht und Platz macht für einen Mann mit Krücke;  an dem eine Frau in der meckernden Schlange im Supermarkt die abgehetzte Kassiererin verteidigt und ihr Mut zuspricht; oder an dem die Ehrenamtliche unserer jungen Äthiopierin im Kirchenasyl ein neues tröstliches Wort auf Deutsch vermittelt hat und ein Lächeln davon spricht.

Mitten im Alltagstrott, mitten im belanglosen Reden, mitten im Konflikt, bei jedem kleinen Handgriff kann ich Mini-Auferstehungen erleben.

Und nein, damit wird das große Oster-Geschehen nicht banalisiert.
Im Gegenteil, es bekommt die Chance, in unserem Leben Bedeutung zu bekommen, es bekommt die Chance, unserem Leben Bedeutung zu geben.

Was es dafür braucht ist meine Offenheit und Bereitschaft für diese Deutung. Es braucht einen weiteren Sinn, den ich, wie andere Sinne auch, üben kann. Die Bibelworte, die uns im Monat Mai mitgegeben werden, können dabei Anstoß und Hilfe sein:

„Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt.“ Kol 4,6

Eine freundliche und mit Salz gewürzte Rede, so stelle ich mir vor, bewirkt etwas bei denen, die sie hören, gibt Klarheit, Orientierung, lässt auf den Geschmack kommen, öffnet die Augen für eine neue Sichtweise. Auferstehung!

Dass wir in Paulus immer mehr zu Experten und Expertinnen für diese kleinen und mittleren Auferstehungserfahrungen im Leben werden, das wünsche ich uns von Herzen. Und ich bin sicher: dann wird die große Auferstehung nicht spurlos an uns vorübergehen!

Ihre Gabriele Helmert

Monatsspruch April 2017

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. 2. Timotheus 1,7

Pfarrerin Barbara Neubert:

Liebe Leser und Leserinnen,

in den ersten Wochen nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten in den USA starrten viele gebannt auf die Nachrichten: Was kommt jetzt? Wird er wirklich alle Menschen ohne Papiere ausweisen? Eine Mauer hochziehen? Die Freundschaft mit den Ländern der EU aufs Spiel setzen? Wie schlimm wird es?
Die Wochen vor der Wahl des/der Nachfolger(s)/in von Präsident Hollande schauen viele gebannt nach Frankreich: Was kommt jetzt? Wie schlimm wird es?
Der Schock des Brexit ist kaum verdaut, das Ausmaß der Veränderungen kaum erfasst. Nationalistische Töne scheinen dadurch lauter zu werden. Und ein Blick auf die Nachrichten aus der Türkei macht es nicht besser. Wohin führt das?

In vielen Gesprächen ist Furcht zu hören, eine gemeinsame Furcht, dass es eigentlich nur schlimmer werden kann und ganz sicher auch wird.
Die Sorge hat mich angesteckt:
Was kommt? Wie wird es? Es ist eine Sorge, die mich wie gelähmt auf jede neue Nachricht schauen ließ. Manche Sorge hat sich als berechtigt herausgestellt. Und Nun? Was können wir als Kirche und Gemeinde dazu sagen, müssen wir dazu sagen?

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
Recht hast du, Paulus (oder du Schreiber im Namen von Paulus). Der Geist der Furcht hilft nicht weiter; den haben wir auch nicht bekommen. Sondern mit Kraft, Liebe und Besonnenheit werden wir Wege finden. Lasst uns tun, was notwendig ist, lasst uns beharrlich diskutieren und unsere Kirchen offen halten.

Dazu gehört, dass wir als Gemeinde unser Engagement für Geflüchtete fortsetzen. Mit unseren Konfirmanden haben wir die älteste Moschee Berlins besucht, damit sie erleben, wie friedlich und respektvoll der Islam sein kann. Und mit viel Energie wird der Kirchentag vorbereitet. Es ist toll, wie viele aus Paulus fremde Menschen willkommen heißen wollen, ihnen bei sich zu Hause ein Bett anbieten oder in den Gemeinschaftsquartieren helfen.

Wir freuen uns auf die Gespräche und den Austausch, die Diskussionen und den Wind, der mit dem Kirchentag im Mai kommen wird.

Vorher wünsche ich uns allen ein frohes und fröhliches Osterfest.

Ihre Barbara Neubert 

Monatsspruch März 2017

Vor einem grauen Haupt sollst Du aufstehen und die Alten ehren und sollst Dich fürchten vor Deinem Gott; ich bin der Herr.

Levitikus, 19,32

Pfarrerin Gabriele Helmert:

Liebe Leserin, lieber Leser, auwei – mein erster Gedanke – was soll ich mit meinen grauen Haaren denn dazu schreiben?

Schreiben für Sie, unter denen auch manche Ergraute sind? Und das in einer Zeit, in der Jugendliche sich untereinander mit „Ey, Alta, was geht?“ begrüßen und der ältere Herr von der Verkäuferin mit „Was darf‘s sein, junger Mann?“ angesprochen wird?

Dann das Telefonat mit einer Freundin, zwei Jahre jünger als ich, grauhaarig. Sie erzählt von einem Aha-Erlebnis, einem Perspektivwechsel: Auf Grund ihres ehrenamtlichen Engagements ist sie in den letzten Jahren öfter auf den Philippinen gewesen und nahm mit Erstaunen wahr, mit welcher Ehrfurcht ihr und ihrem (grauhäuptigen) Mann begegnet wurde. Dass das mitnichten allein ihrer „Mission“ geschuldet war, konnten sie vielfältig

beobachten. In Familien, in Gruppen, auf der Straße: der Umgang mit der älteren Generation sei vielfach geprägt von zugewandter Ehrerbietung, unaufgeregter Selbstverständlichkeit, von Respekt vor der Lebensleistung der Älteren. Und nein, das habe nichts Zwanghaftes, keinen moraltriefenden Anspruch. Es sei einfach so:

„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren.“

Möglicherweise haben andere Kulturen Ähnliches übernommen und bewahrt, was Juden- und Christentum in ihrem „Grundbuch“, in ihren Heiligen Schriften von Thora bzw. AT überliefert haben. Und möglicherweise ist diese Aufforderung in der sog. Ersten Welt verschüttet, überlagert von Entwicklungen der Neuzeit, indem Menschen das immer Neue auf ihren Altar stellen / indem w i r das immer Neue auf u n s e r e n Altar stellen?!

In der zum Reformationsjubiläum revidierten Luther-Übersetzung ist das 19. Kapitel im 3. Buch Mose (woher der Monatsspruch stammt) überschrieben mit: „Von der Heiligung des Lebens“. Das ist eine, wie ich finde, sehr ansprechende, dem Leben und den Menschen zugewandte Ansage.

Bleibt die Frage: Was braucht es, dass wir die „Heiligung des Lebens“ wieder als zutiefst zu uns gehörend anerkennen, als lebensförderlich erkennen und leben?

Vielleicht genau dies, den zweiten Teil des Monatspruchs: „Du sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR.“ Das „fürchten“ mag uns erschrecken oder auch abschrecken. Ich übersetze es für mich: Gott, der Herr, ist Herr des Lebens. Wir sind verwiesen auf ihn. Darum gilt ihm unsere Ehrfurcht. Gott ist das Absolute, das Unnennbare, Heilige – und gleichzeitig das, was uns menschlich macht und uns untereinander und aufeinander bezieht. Gott ist die Kraft, die Herz und Augen öffnet für andere, auch für den Schatz des Alters.

Ob blond oder rot, grau oder gefärbt, wir sind dazu berufen, das von Gott geschenkte Leben zu heiligen und Verantwortung dafür zu übernehmen, in unserem persönlichen Umfeld ebenso wie auf der gesellschaftlichen Ebene.

Dass wir dabei immer wieder Gottes Segen spüren, das wünsche ich Ihnen und uns allen.

Letzte Änderung am: 31.10.2018